Allgemeiner Politik Thread

Dieses Thema im Forum "Archiv - Off Topic" wurde erstellt von Niedersachse, 15. November 2008.

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  1. Mir geht es darum, mit welch immenser Gewinnspanne die Medikamente hierzulande verkauft werden.
    Ich will ja auch nicht, dass die Preise in Drittweltländern steigen (dass wegen der Gewinnmaximierung bei AIDS-Medikamenten jedes Jahr tausende dahingerafft werden ist übrigens ein weiteres Thema, bei dem ich mich über die Pharmaindustrie aufrege), sondern wollte aufziegen, dass man die Medikamente offenbar zu weit geringeren Preisen verkaufen und dennoch Gewinn machen kann.

    Das würde nur bei denen funktionieren, die ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung haben. Was aber soll bei Deinem Vorschlag mit denen geschehen, die das nicht können? Soll ihnen ärztliche Hilfe versagt bleiben?
     
  2. Felissilvestris

    Felissilvestris

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    Wobei die Distributionskosten in Deutschland natürlich auch höher sind als in Drittweltländern. Die Apothekerin in Jordanien beispielsweise verdient ja nicht ansatzweise soviel wie in Deustchland.

    Aber natürlich ist ein Gewinnstreben bei den Pharmaunternehmen vorhanden. Ist aber auch irgendwie wichtig, weil du ja mit den Einnahmen aus diesen Medikamen die F&E für zukünftige Medikamente quasi vorfinansierst. Aber diese Gewinnstreben hat ja nun jedes Unternehmen. Eine in Bremen gebaute C-Klasse kostet hier auch nen paar tausend Euronen mehr als in Nordamerika!

    Wer sich die Grundversorgung nicht leisten kann, der bekommt dies quasi vom Staat bezahlt. Also aus Steuermitteln.
     
  3. Bremen

    Bremen Moderator

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    Es gibt sicherlich Menschen, die so denken, aber ich bin überzeugt, daß der größte Teil der Bevölkerung grundsätzlich auch bereit ist, ihren angemessenen Beitrag zur Krankenkasse zu leisten. Diese Bereitschaft ist aber reduziert, wenn immer nur die Beiträge erhöht und Leistungen reduziert werden, aber gleichzeitig auf der Ausgabenseite zu wenig für eine Kostenreduzierung getan wird, wie den von Dir erwähnten Verwaltungswasserkopf der Krankenversicherungen, die von Bremerland genannten krassen Preisunterschiede bei den Medikamenten etc. und das ganze mit Duldung der Regierung.

    Und das ist das abstruse an dieser Situation: die Regierung läßt sich von den Lobbyisten dermaßen „einlullen“, daß die Kostentreiber nicht in die Pflicht genommen werden, sondern die Regierung verabschiedet eine „Reform“, mit der der Staat trotz ohnehin schon leerer Kassen die Grundversorgung für diejenigen übernimmt, die sich diese nicht mehr leisten können. Oder anderes ausgedrückt (auch wenn es jetzt sehr nach Klassenkampf klingt): Profit und Interessenwahrung bestimmter Klientel auf Kosten des Steuerzahlers!
     
  4. Felissilvestris

    Felissilvestris

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    Das ist genau das Problem. In Deutschland hat man über Jahre für einen viel zu geringen Beitrag viel zu viele Leistungen erhalten. Das Anspruchsdenken in diesem Land ist viel zu hoch.
    Tut mir leid, aber wenn man weiss, dass der derzeit Höchstbeitrag eines Arbeitnehmers bei 296,25€ liegt und dafür der Ehegatte und die gemeinsamen Kinder Leistungen in Anspruch nehmen können, dann ist das bei ner vier Köpfigen Familie günstiger als nen Monat Pay-TV.
    Der KV-Beitrag in Deutschland ist eben nicht angemessen und war es noch nie. Und wie oben bereits von nithloe ausgeführt arbeiten Ärzte teilweise schon umsonst bzw. müssen drauflegen.
    Denke wenn wir endlich dazu kömmen würden dem Leistungsanspruch entsprechende Prämien einzuführen, dann hätten wir keine Probleme mehr. Im Übrigen gibt es in den Leistungskatalogen der GKVen immernoch Dinge, die ich für Privatsache halte und von den Kassen teilweise übernommen werden.
     
  5. Bremen

    Bremen Moderator

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    Man darf aber nicht vergessen, da dieser Höchstbetrag von 296,25 € dadurch zustande kommt, daß es in der gesetzlichen KV die Betragsbemesssungsgrenze gibt, die einerseits ungerecht ist, weil jmd. mit einem Bruttoeinkommen von 3.800 € genau so viel zahlt wie einer mit 8.300 €, aber andererseits hat die Beitragsbemessungsgrenze ihren Sinn, weil sonst Gutverdienende, die in einer gesetzlichen KV versichert sind, zu einer privaten Assekuranz wechseln würden und somit wäre die finanzielle Notlage für die gesetlichen KV noch höher.

    Dennoch sind die knappen Kassen "nur" das Symptom, die Ursache ist die Kostenspirale und hier muß als erstens angesetzt werden, ansonsten wird aus der KV ein Faß ohne Boden, wenn es eh schon nicht eins ist.
     
  6. Felissilvestris

    Felissilvestris

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    Die Beitragsbemessungsgrenze macht in einem System, in dem man alle Kassen gleichstellt, PKVen und GKVen, keinen Sinn mehr.
    Interessant ist doch, dass trotz der Beitragsbemessungsgrenze viele bereit sind ein vielfaches an Beitrag bei einer PKV zu zahlen. In der PKV muss der Verdiener in einer klassischen vierköpfigen Familie für seinen Ehegatten und die beiden Kinder jeweils einen Beitrag bezahlen. Das erreicht schnell die 1000 Euro Beitrag pro Monat bei einem Gutverdienenden und da sind noch gewisse Leistungen ausgespart bzw. Selbstbeteilgungen bei ambulanten Behandlungen mit inbegriffen.
    Lange Rede kurzer Sinn: In Deutschland wird die Mitgliedschaft in einer GKV zu günstig angeboten. Die medizinische Leistungen und Medikamente sind in Deutschland, gerade wenn man das mal mit Handwerkerrechnungen (Autowerkstatt) vergleicht, nicht exorbitant teuer. Mich hat damals, war noch privat Familienmitversichert, ne ambulante Behandlung in einem Krankenhaus wegen eines Hundebisses zu Nachtzeit inkl. Impfungen knapp 127 DM (war 2000) gekostet. Das ist nicht wirklich teuer. Die Notambulanz bei unserem Hund, der sich die Pfote geschnitten hatte, hat mal eben 225 Euro gekostet.
    Der Beitrag zur GKV ist in vielen Fällen schlicht zu gring. Aber in Deutschland hat man sich an eine günstige Rundumversorgung im Gesundheitsbereich gewöhnt. Während viele Durschnitts- und Wenigverdiener bereit sind sich die Leasingraten für ein nagelneues Auto vom Munde abzusparen, sind sie nicht bereit mehr in ihre Gesundheit zu investieren. Das ist in den Köpfen vieler Menschen über Jahre schlicht eine Schieflage entstanden.
     
  7. Neasy

    Neasy

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    Ich würde das nicht als Schieflage bezeichnen. Von einem neuen Auto hat man sofort und dauerhaft einen Nutzen, während der Nutzen (den man eigentlich gar nicht haben möchte, also krank zu werden) einer Krankenversicherung im Idealfall erst weit in der Zukunft liegt, da ist die Zahlungsbereitschaft natürlich eher gering.
     
  8. Felissilvestris

    Felissilvestris

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    Das ist sehr wohl eine Schieflage. Das ist insbesondere ja in den USA immer unter der Frage diskutiert worden, warum sich junge Gutverdiener dort keine KV leisten wollen. Die Antwort hast du gegeben: Man ist jung, man ist gesund und glaubt man braucht so eine Absicherung nicht.
    Nur weiss ich ja aus der eigenen Familie wie schnell auch eine wirklich schwere Krankheit mit einer sehr teueren Theraphie schon in sehr jungen Jahren auftreten kann.
    Und wie bereits in diesem Thread gesagt worden ist, geht der durchschnittliche Deutsche 18 mal im Jahr zum Arzt. Er macht also sehr wohl und sehr häufig gebrauch von den Leistungen seiner KV und nicht irgendwann in der Zukunft. Dazu werden ja auch Vorsorgeleistungen und -untersuchungen übernommen, die gerade vor Krankheit schützen bzw. Früherkennung ermöglichen sollen.
     
  9. Bremen

    Bremen Moderator

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    @ Felissilvestris

    Wenn sich jemand gerade in jungen Jahren möglicherweise noch als kinderloser Single von den sehr niedrigen Grundbeiträgen und bevorzugter medizinischer Behandlung einer PV blenden läßt und sich deswegen freiwillig privat versichert (mir ist durchaus bewußt, daß manche Berufsgruppen sich bzw. ihre Familien privat versichern müssen), der sollte sich über die Folgekosten informieren, mögliche schwere Erkrankungen oder Verletzungen ins Kalkül ziehen (auch wenn man es verständlicher Weise nicht möchte) und das Kleingedruckte lesen. Ich habe vor ca. 15 Jahren selbst mit dem Gedanken gespielt, mich privat zu versichern, aber weil Kinder in meiner Zukunftsplanung schon eine Rolle gespielt haben, ich nicht vorausahnen konnte und kann, was mir oder meiner Familie evtl. passiert und mit zunehmenden Alter der Bedarf an medizinischer Versorgung i.d.R. steigt, bin ich bei der GV geblieben; ein Grund dafür war für mich auch, daß wir in einer Solidargemeinschaft leben (auch wenn die Politik, besonders die derzeitige Bundesregierung diesbezüglich äußerst kontraproduktiv agiert), in der die Menschen, die mehr haben, auch mehr für die Gemeinschaft leisten sollten. Oder wie es Robert Kennedy, Bruder und Berater von John F. Kennedy, äußerte und auch selbst vorlebte: „Wer viel hat, dem wird viel abverlangt“


    Als Einzelbetrag mag Beitrag zur GKV vllt. wenig klingen, aber bei ca. 40% Steuern und Abgaben wird die Bevölkerung schon genug geschröpft. Wie hoch soll Deiner Ansicht nach denn der Beitrag zur GKV sein? 20%? 25%? Selbst 50% sind zu wenig, wenn die Politiker keinen Ups, ich muss meine Wortwahl ändern ;) in der Hose haben, sich über das Geschwafel der Lobbyisten hinwegzusetzen und endlich auf die Kostenbremse getreten wird. Man kann noch soviel in ein Faß reinschütten, es wird nie voll, wenn es keinen Boden hat.
     
  10. Felissilvestris

    Felissilvestris

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    Würde die Beiträge völlig vom Einkommen abkoppeln. Es muss eine ganz normale Versicherungsprämie werden, wie ich sie für andere Versicherungen auch bezahle. Schließlich ist ja auch die Leistung die ich in den KVen erhalte, anders als bei den anderen Sozialversicherungen, nicht an das zuvor erzielte Einkommen gekoppelt.

    Das Problem in Deutschland ist in der Tat die zu hohe Steuerlast. Wir haben in Deutschland einen viel zu breiten öffentlichen Dienst. Weiss die Zahl nicht ganz genau, aber in Bremen bekommen mehr als 50 % der Menschen mehr vom Staat ausbezahlt als sie an den Staat abführen. Das sind dann, mag dieses Wort zwar nicht, so genannten "Nettostaatsprofiteure".

    Wie gesagt in meinen Augen sind Gesundheitsleistungen in Deutschland vergleichsweise keineswegs zu teuer. Insbesondere wenn man das mit anderen Branchen vergleicht. Und nochmal wenn ein Arzt schon Patienten aus GKV aus der eigenen Tasche behaneln muss, dann läuft was falsch. Wenn ein Arzt in einem niederländischen Krankenhaus bei geringerer Arbeitszeit fast das doppelte verdient wie in Deutschland. Wenn ein Bandarbeiter beim Volkswagen mehr verdient als ein Assistenzarzt in einem Krankenhaus. Dann läuft da etwas nicht richtig.
    In Deutschland hat man sich schlicht daran gewöhnt für relativ wenig Kohle eine vollkommene Rundumversorgung zu erhalten. Da liegt das Problem. Man vergleiche wirklich mal Handwerkerrechnungen mit den Rechnungen, die einem der Arzt ausstellt.
     
  11. Bremen

    Bremen Moderator

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    Also die Kopfpauschale, egal ob jemand 1.000 € oder 10.000 € verdient? Abgesehen davon, daß sie unsozial ist, wie soll das funktionieren? Ist sie zu hoch, fällt die Versorgung für Menschen mit zu geringem Einkommen weg, oder der Steuerzahler muß blechen, wird sie zu niedrig angesetzt, kollabiert das Gesundheitssystem finanziell erst recht.
     
  12. Bremen

    Bremen Moderator

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    Bei SIEGEL-Online ist über die Kostenexpolsion im Gesundheitswesen ein sehr interessanter, mehrseitger Artikel zu lesen: Kostenexplosion im Gesundheitswesen Krankes System mit Knalleffekt

    Hier ein paar interessante Auszüge daraus:




     
  13. Felissilvestris

    Felissilvestris

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    Wenn man es Kopfpauschale nennen will, dann kann man das gerne so nennen. Es bleibt sozial und solidarisch, da die Gesunden immer für die Kranken zahlen, genauso wie es in anderen Versicherungen auch der Fall ist. In anderen SVen führt ein höheres Einkommen, damit höherer Beitrag zu höheren Leistungsansprüchen. Damit wären diese nach deiner Ansicht ebenfalls unsolidarisch. Wer gleiche Leistungen will, der muss gleiche Beiträge zählen. Und ich habe kein durchgerechnetes Modell, aber wenn ich allein daran denke wie viele beitragsfreie Ehegatten wir derzeit in den GKVen haben, so bin ich davon überzeugt, dass die Versicherungsprämie insgesamt im Rahmen bleiben wird. Wie gesagt derzeit liegt der maximale Beitrag zur GKV bei 296,25€. Auch hier zahl derjenige, der im Monat 3.675 € verdient genauso viel wie derjenige, der im Monat 10 000 € verdient.

    Und für Menschen, die sich das derzeit nicht leisten können den Grundbeitrag zu bezahlen, der bekommt dies über den Staat ausgeglichen. Genaus wie es ja im Grunde bei Arbeitslosen und Geringfügigbeschäftigten heute schon der Fall ist. Extraleistungen kann dann jeder dazu buchen.

    So lange den Menschen ein neues Auto mehr wert ist als die eigene Gesundheit, wird es natürlich gemosert werden, aber es wird auf Dauer nicht anders gehen.

    Edit: Zu den Spiegel-Zitaten

    Erstens wird ja durch die derzeitige Bundesregierung die Pharamindustrie an die Kette gelegt. Es wird genau diese Preisverhandlungen zwischen den Kassen und der Industrie geben. Das Gesetz wird im übrigen gerade in diesem Moment in der ersten Lesung beraten.

    Ansonsten gibt es sicher Missbrauch bei Dingen, die gemacht werden aber nicht nötig werden. Aber auch genau diese schwarzen Schafe habe ich bei jedem Handwerker, der dem Unkundigen Reperaturen andreht, die völlig unnötig sind. Aber mit Missbrauch zu argumentieren ist dann schlicht falsch.

    Ansonsten akzeptiere ich das Apotkerargument. Ich verstehe diesen Schutz, den Apotheken genießen nur bedingt. Eine Öffnung des Marktes wäre ohne weiteres möglich, wenn man auch hier klare Regelungen trifft. Völlig unproblematisch.

    Edit2: Nochmal zum letzten Zitat. Für mich ist das übrigens ein Beispiel von billigem, populistischen Schmierenjorunalismus. Will auch mal eben begründen warum: Wenn die derzeitige Bundesregierung, den Arzneimittelmarkt liberalisieren würde und dadurch die qualifizierten Arbeitsplätze in Apotheken wegfallen würden, weil dann Verkäuferinnen, beschäftigt nach dem "Schlecker- oder Lidlprinzip", diese Aufgabe übernehmen würden, dann würde genau dieses Journalie schreiben, dass die FDP qualifizierte Arbeitskräfte in prekäre Beschäftigung abschieben würde.
     
  14. Das der Faktor Arbeit entlastet würde, hat ja durchaus seinen Reiz. Aber insgesamt überwiegen meiner Meinung nach die Nachteile klar. Die Beitragshöhe würde sich irgenwo im Mittelfeld zwischen jetzigem Mindest- und Höchstbeitrag einpendel. Das hieße also, dass Gering- und Mittelverdiener draufzahlen, Gutverdiener entlastet werden würden.
    Ich halte jedoch sehr viel von unserem solidarischen Gesellschaftsmodell, in dem derjenige, der es sich leisten kann, mehr beansprucht wird als die Schwächeren. (Übrigens würden Gutverdiener gleich doppelt profitieren: zum einen sinken die Beiträge, zum anderen können sie diese auch noch von der Steuer absetzen.)
    Weiterer Profiteur einer solchen Umstellung wären die Arbeitgeber, die sich aus der Solidargemeinschaft komplett verabschieden würden. Es sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass es nicht selten ja gerade die Arbeitgeber sind, die ursächlich für Krankheiten sind. Seien es Rückenleiden, seien es psychische Erkrankungen.
    Was den Ausgleich aus Steuergeldern angeht: da ist mir völlig unklar, wie der finanziert werden soll. Es ist von Kosten von ca. 35.000.000.000 € jährlich die Rede. Um das zu bezahlen, müsste nach Berechnungen des Finanzministeriums entweder die gesamte Einkommensteuer um drei bis fünf Prozent oder der Spitzensteuersatz auf 73 Prozent oder aber die Mehrwertsteuer um 2,5 bis vier Prozent erhöht werden.

    Weierhin glaube ich auch nicht, dass dadurch die Ausgaben des Einzelnen gesenkt werden würden. Ich denke vielmehr, dass etliche dann erst recht das Bedürfnis hätten, dass "die Versicherung auch rechnet", man also so oft zum Arzt geht, dass "man das Geld wieder drin hat".
     
  15. Felissilvestris

    Felissilvestris

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    @Bremerland

    Alles richtig. Nur wenn man das Steuersystem gleichzeitig refomieren würde. Derzeit zahlen doch eigentlich mittlere Einkommensbezieher den Spitzensteuersatz. Das ist vollkommen bekloppt. Habe irgendwo mal ne Rechnung gelesen, dass wenn man die Einkommensentwicklung seit 1960 zu grunde legen würde, der Spitzensteuersatz heute bei 160 000 Euro erst fällig werden dürfte. Denke hier muss man ansetzen. Andere apostrophieren so etwas unter "Reichensteuer", ich sage wir müssen die Steuertarifstufen überprüfen.
    Wenn man den alten Spitzensteuersatz unter Kohl heute auf Einkommen ab 150 000 Euro jährlich ansetzen würden und darunter anders abstufen würde, dann würde man wieder eine solidarischere Staatsfinanzierung erreichen.

    Noch viel interessanter fände ich, in Deutschland aber unrealistisch, die Einführung einer FlatTax ohne irgendetwas absetzen zu können. Das heißt jeder zahlt auf seine gesamten Einkünfte eine Steuer von 20 - 25 % und gut ist.
     
  16. Bremen

    Bremen Moderator

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    Warum erst jetzt? Daß die Medikamentenpreise die Kosten im Gesundheitswesen in die Höhe treiben, ist nun wahrlich kein Phänomen der jüngeren Vergangenheit, sondern wird schon seit über 25 Jahren diskutiert. Und solange ein solches Gesetz nicht wirklich vom Bundespräsidenten unterschrieben ist, glaube ich nicht, daß die Pharmaindustrie „an die Kette gelegt“ wird; diese Einstellung ist zwar ziemlich vorurteilsbehaftet, aber bei dem Einfluß der Lobbyisten der Pharmaindustrie auch nicht weiter verwunderlich.


    Wenn in den europäischen Ländern, in denen der Arzneimittelmarkt liberalisiert ist und dort somit das "Schlecker- oder Lidlprinzip" Einzug gehalten hätte, dann hätte es in diesen Ländern eine spürbare Häufung von Fehlberatungen mit entsprechenden gesundheitlichen Folgen gegeben und das wäre Wasser auf die Mühlen u.a. für die deutschen Apothekerverbände oder der FDP gewesen, die solche Artikel (auch billiger, populistischer Schmierenjorunalismus?) in ihrem Bestreben für den Erhalt des Status Quo im Arzneimittelmarkt mit Sicherheit aufgegriffen hätten.

    Eine Liberalisierung im des Arzneimittelmarkt bedeutet auch nicht automatisch eine sinkende Beratungsqualität, denn es schon ein Unterschied, ob man als Verbraucher sich bei Schlecker oder Lidl Artischockenkapseln über den Scanner ziehen läßt oder man in einer Apotheke eine Beratung für Arzneimittel sucht. Dies ist ohnehin ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen (oder soll ich sagen: ein billiger, populistischer Vergleich?), oder erwartest Du von einem Filialleiter eines Discounters, daß er Dir die technischen Funktionen des PC aus dem Angebot erklärt? Gute Beratung bekommt man i.d.R. nur im Fachhandel und diese gute Beratung kann bei Medikamenten nur eine Apotheke mit qualifiziertes Personal anbieten, aber ist dabei vollkommen egal, ob dieses gute Personal in einer Apotheke nach dem bisherigen Status Quo oder in einer Filialapotheke hinter dem Tresen steht; die Qualität ist entscheidend, nicht die Leuchtreklame über dem Eingang. Jeder Inhaber einer Apotheke hat es selbst in der Hand, ob er bei seiner Personalauswahl mehr Wert auf qualifizierte Beratung mit entsprechend höherem Lohnniveau legt oder auf Lohndumping setzt, so daß er selbst für den Erhalt der Beratungsqualität verantwortlich ist und nicht die Liberalisierung des Arzneimittelmarkes; das ist nur eine bequeme, um nicht zu sagen billige Ausrede der Apothekerlobby, die Angst vor der urtypsichen liberalen Säulen, den Wettbewerb hat, den sie, wenn sie ihre Beratungsqualität beibehält oder gar verbessert, bei einer so beratungsintensiven Materie wie Medikamente nicht fürchten muß, den bei einer so beratungsintensiven Materie wie den Arzneimitteln entscheidet erst die Qualität, dann der Preis.



    Übrigens: Helmut Kohl hat den Spiegel schon mal als „Linke Kampfpresse“ diffarmiert, weil dieser oftmals Artikel geschrieben hat, die ihm nicht schmeckten; aber investigativer Journalismus wird von Parteipolitikern nur für gut befunden, wenn er sich gegen den politischen Gegner richtet. Und selbst wenn es (wie überall) auch im Journalismus schwarze Schafe gibt, so ist die seriöse Journalie wie in diesem Fall nicht der Verursacher, sondern nur der Überbringer der schlechten Nachrichten – aber die Überbringer von schlechten Nachrichten sind schon im Altertum gerichtet worden.
     
  17. Felissilvestris

    Felissilvestris

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    Habe mich ja nicht gegen die Liberalisierung des Apothekenmarktes ausgesprochen, sondern bin sogar ausgesprochen dafür.
    Nur ich bleibe auch dabei, dass es nicht nur Filialapotheken mit qualifiziertem und gut bezahltem Personal geben wird. Viele Leute verzichten bewusst, auch bei komplizierten technischen Geräten, auf Beratung, um lieber einen geringeren Preis zu zahlen. So wird dies auch bei Medikamenten sehen. Und ich würde Deutschland nicht mit dem anderen europäischen Ausland vergleichen. Das extreme Discountprinzip, wie Aldi und Lidl, war lange Zeit deutsches Phänomen.
    Und was den Journalismus angeht, so können wir in diesem Fall machen was wir wollen, kritisiert wird so oder so.
     
  18. Felissilvestris

    Felissilvestris

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    @Bremen


    Hier ein ganz lesenswertes Interview mit Hans Mathias Kepplinger (Kommunikationswissenschaftler) zum Thema Medien, Bundesregierung und Politik.
     
  19. Bremen

    Bremen Moderator

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    Man kann die Menschen leider nicht daran hindern, am falschen Ende zu sparen – egal ob sie nun in eine „falsche“ Apotheke gehen oder runderneuerte Autoreifen kaufen, genau so wenig wie man sie daran hindern kann, Anwendungsfehler zu begehen, weil sie die Anleitung/den Beipackzettel nicht lesen bzw. einen Artikel vorsätzlich zu „mißbauchen“; so kann z.B. ein noch so qualifiziertes Apothekenpersonal die bewußte oder unbewußte Einnahme einer Überdosis Schlaftabletten auch nicht verhindern.

    Abgesehen davon ist allein die Qualifikation der Mitarbeiter für die Beratungsqualität entscheidend, und nicht ob sie für ein Einzelunternehmen tätig sind oder woanders, hier ist jeder Arbeitgeber o. Abteilungsleiter seines Glückes Schmied a) in der Personalauswahl und b) ob er seinem Personal die Möglichkeit zur Weiterbildung gibt. Auch in einer deutschen Apotheke kann man heutzutage falsch beraten werden, weil die Person hinter dem Tresen nicht ausreichend qualifiziert ist oder aus irgendwelchen Gründen Fehler macht und genau so gut ist es vorstellbar, daß Filialapotheken eine überdurchschnittlich gute Beratung geben können, weil es einem Mittelständler i.d.R. leichter fällt, die Kosten für Mitarbeiterschulungen zu übernehmen als einem Einzelunternehmen. Ich habe aufgrund von familiären und freundschaftlichen Bindungen zum Niederrhein öfters die Gelegenheit, ins benachbarte, niederländische Venlo zu fahren und habe dort in der Beratung durch Filialapotheken bisher nur gute Erfahrungen gemacht, aber wie bereits erörtert, sagt die Lokalität allein nichts über die Beratungsqualität aus. Selbstverständlich kann es auch in Filialapotheken zu einer schlechteren Beratung kommen, aber wie schon gestern erwähnt, sind Arzneimittel eine sehr beratungsintensive Materie, so daß sich hier schnell die Spreu vom Weizen trennen wird – bei Filialapotheken als auch bei den bisherigen Einzalapotheken.


    Noch eine Anmerkung zum Discountprinzip: auch wenn in anderen Nationen die Discounter Marktanteile gewinnen, so ist dieses Prinzip nach wie vor in keinem Land so ausprägt wie in Deutschland. Ich bin in einer Branche tätig, deren Prodkukte sich nicht nur mit dem (Hard-)Discount messen muß, sondern der hiesige Preiskampf geht soweit, daß manche ausländische Hersteller/Distributeure einige Artikel schon gar nicht mehr nach Deutschland verkaufen, weil ihnen die Margen zu gering sind.
     
  20. Felissilvestris

    Felissilvestris

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    Wir sind uns in der Frage doch offensichtlich absolut einig.

    Mir ging es auch nur vielmehr darum aufzuzeigen, dass ich Deutschland eben befürchte, dass wir nicht nur günstige Filialapotheken mit qualifizierten und ordentlich bezahlten Mitarbeitern bekommen, sondern auch regelrechte Billigapotheken mit eine Beschäftigungsprinzip wie bei Lidl, Aldi oder Schlecker bekommen und eine solche Auswirkung genau der FDP avon den gleichen Journalisten, die in diesem Bereich eine Liberalisierung fordern, aufs Brot geschmiert würde.